Architektur und Infrastruktur

Eingangsbereich SONNENBERG

Architektur: Speziell gebaut

Der SONNENBERG ist besonders sehbehindertengerecht gebaut. So fühlt, hört oder riecht man auch, wo man ist...
Sicherheit durch Blindenleitlinie

  • ...durch den plätschernden Brunnen
  • ...durch das Vogelgezwitscher
  • ...durch den Duft der verschiedenen Pflanzen
  • ...durch die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit
  • ...

SONNENBERG Planungsgrundlagen

Die Idee der Heimschule in Baar entstand eigentlich schon im Jahre 1971. Damals wurde auf eine Erweiterung der Heimschule in Freiburg zugunsten einer neuen Anlage in der Zentralschweiz verzichtet. Das Bauprogramm dafür wurde in jahrelanger Arbeit von der Institutsleitung in Freiburg in Zusammenarbeit mit der IV zusammengestellt. Nachdem in Baar ein günstiger Standort gefunden worden war, begann die Arbeit des Architekten. Die folgende kurze Zusammenfassung soll einen Teil der Planungsgrundlagen skizzieren, die für die Heimschule in Baar bestimmend wurden.

Probleme des Sehenden beim Planen für Blinde

Für den Architekten, dessen besttrainiertes Sinnesorgan das Auge sein sollte, ist es besonders schwierig, sich in die Welt des «nicht sehenden Menschen» hineinzudenken. Wie nimmt ein Blinder seine Umwelt und insbesondere die architektonische Umwelt wahr, wie reagiert er auf Formen, Materialien und räumliche Abläufe? Literatur über dieses Thema ist nur spärlich vorhanden. Der Architekt ist auf die Erfahrung von Leuten angewiesen, die mit Sehbehinderten und Blinden zu tun haben, auf das Gespräch mit Blinden und auf die eigene Phantasie.

Der Blinde erfasst Dinge und ihre Zusammenhänge anders als ein Sehender. Er geht induktiv vor: vom Detail tastet er sich vor bis er die Gesamtheit einer Sache erfasst, der Sehende geht vom Gesamten zum Detail.

Für den Architekten bedeutet das, dass er über eine innere Ordnung zur Gesamtheit der Anlage gelangt und nicht z.B. eine schöne Hülle plant, in die er nachträglich die Funktionen einfüllt. Die einzelnen Elemente der Anlage sollten strukturell gleich aufgebaut sein wie die gesamte Anlage.

Laubengang Wohnbereich Das blinde Kind sollte seinen Weg in der Anlage frei wählen können (Selbstvertrauen) und die vorhandenen Hilfsmittel, die ihm der Bau anbietet, z.B. spezielle Bodenbeläge sowie Treppengeländer etc. nach eigenem Können benützen. Dasselbe gilt für den einzelnen Raum (Mehrfachnutzung). D.h. der Architekt muss dem Benützer ein möglichst klares architektonisches Raumsystem anbieten, darf ihn aber nicht in eine Zwangsjacke stecken.

Es geht nicht darum, eine Art Paradies für Sehbehinderte und blinde Kinder zu schaffen, im Gegenteil: Wenn das blinde Kind die Schule verlässt, sollte es sich in einer anderen Umgebung auch zurechtfinden können, d. h. die Heimschule soll nicht zu viele Details aufweisen. die der Blinde ausserhalb nicht mehr antrifft (dies gilt z.B. für die Möbelierung).

Die Anlage sollte dem Kind Hilfen bieten, sich selbstständig zu bewegen z.B. mittels Orientierungspunkten. Oder sie sollte Plätze, Winkel und Nischen aufweisen, mit denen sich das Kind identifizieren kann. Sie sollte ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit vermitteln.

Bei dieser Art zu planen sollte es schliesslich keine rein formalen Spielereien mehr geben, keine "Augenarchitektur", sondern Räume (Innen- und Aussenräume), die für blinde Kinder benützbar sind.

 

Planungsgrundlagen

Laubengang zwischen Wohn- und Schulbereich

Die Heimschule sollte zur "Wohnung" werden, in der man lernt. Schule und Wohnen sollten zwei verschiedene Dinge sein, die jedoch zusammen eine Einheit bilden. Die Beziehung zwischen den beiden Bereichen wird in erster Linie nicht durch bauliche Elemente hergestellt, sondern durch dazwischen legen von Aktionsräumen (Spielhof, Spielplätze, Pausenhalle mit Volière, Wasserspiel, Höfe für Freiluftschule).

Die Heimschule hat keinen üblichen Ein- und Ausgang. Über einen Weg, der als Hauptachse der Anlage alle wichtigen Bereiche verbindet, gelangt man vom Baarer Dorfzentrum und vom Bahnhof direkt in den Spielhof der Heimschule. Man ist plötzlich mittendrin: Wasserspiel, Volière und spielende Kameraden anstelle von tristen Korridoren.

Der Spielhof bildet das Zentrum der Anlage - ähnlich einem Dorfplatz. Die Schule und die Wohneinheiten sind um diesen Aussenraum angeordnet und nehmen an seiner Aktivität teil.

Der offene Laubengang beim Wohntrakt und die Freiluftschulhöfe beim Schultrakt bilden die Zwischenzonen vom Aussenraum zum Innenraum.

Die gesamte Anlage sollte möglichst wenig Geschosse aufweisen (bei zwei Geschossen gibt es nur ein oben und ein unten). Eine niedere Bauweise entspricht eher dem kindlichen Massstab. Grosse, vielstöckige Baumassen überfordern die Vorstellungskraft des Kindes. Zudem ergeben sich vorwiegend horizontale Beziehungen, wie vorne - hinten oder links - rechts, die dem Blinden die Orientierung erleichtern und zudem mehr Erlebnisse bieten können, weil der Kontakt zum Aussenraum intensiver ist.

Heimschule mit maximal zwei StockwerkenBei vertikaler Anordnung der Räume schrumpft der Erlebnisbereich. Lift oder Treppenhäuser bieten wenig an Reiz und geben kaum Möglichkeit zu Kontakten, zudem sind sie für Mehrfachbehinderte (Rollstuhl) zusätzliche Hindernisse.

 

Orientierungsprinzipien

Die verschiedenen Aussen- und Innenbereiche der Heimschule sollten möglichst einfache Beziehungen zueinander aufweisen. Dies wird ermöglicht durch eine einfache Grundstruktur der ganzen Anlage.

 

Orientierungsmuster

Der Blinde durchschreitet einen langen Weg bis er eine ganzheitliche Vorstellung von einer grösseren Sache erhält. Durch Tasten, Hören und Riechen versucht er zu einem Gesamtüberblick zu gelangen.

Damit sich der Blinde oder Sehbehinderte innerhalb einer grösseren Anlage zurechtfinden kann, braucht er eine Vielzahl von charakteristischen Merkpunkten, eine Art Wegzeichen, damit er sich ein Orientierungsmuster bilden kann. Je einfacher dieses Orientierungsmuster ist, desto schneller wird er sich zurechtfinden und sich sicher fühlen. Muster mit rechten Winkeln kann sich der Blinde am einfachsten merken. Eine klare Trennung in Primär- und Sekundärrichtung ist eine weitere Hilfe.

Die lineare Abfolge

Orientierungshilfe: Aussen- und Innenr�ume sind linear angeordnetOrientierungshilfe durch StrukturwechselAussen- und Innenräume sind linear angeordnet. Für den Blinden ergeben sich dadurch einfache Beziehungen wie vorne-hinten, rechts-links.

Der Rückgrat der gesamten Anlage ist eine Wegachse, die alle Bereiche der Anlage erschliesst und gleichzeitig die Verbindung zur Nachbarschaft herstellt.

Die Wohneinheiten und die Schule werden auch durch lineare Wege (offener Laubengang und Korridor) erschlossen.

 

 

Merkpunkte (Wegzeichen)

Vogelgezwitscher als Orientierungshilfe
Duftpflanzen als Orientierung und Erlebnis
Innenhof

Akustische Signale
Z.B. Brunnenrauschen und Vogelgezwitscher (Volière). Diese Signale markieren wichtige Wegkreuzungen oder Erschliessungswege.
  • Des Bodens, z.B. als Grenzmarkierung eines Platzes.
  • Der Wand, z.B. im Schulkorridor und Laubengang.
Rhythmische Abfolge von grossen und kleinen Nischen
 
Optische Signale
Orientierungshilfe für Sehbehinderte. Einsatz verschiedener Farben (Türen, Pausenhallendach etc.).
Symbole
z.B. Zahlen oder Buchstaben auf Türen in gelber Farbe auf dunklerem Grund (Gelb ist die Farbe, die ein Sehbehinderter als letzte noch wahrnehmen kann.)
Lichtführung
Selbst Blinde reagieren teilweise auf Lichtquellen. Im Schulhauskorridor werden z.B. mit natürlicher und künstlicher Belichtung die Haupteingänge sowie die Klassenzimmereingänge betont. Bei der Lichtführung muss darauf geachtet werden, dass der Sehbehinderte nicht geblendet wird (keine Korridorfenster gegen Süden - Nordlichtkuppeln)
Bepflanzung
Duftpflanzen (z.B. Wintergarten) oder eingesetzt als optisches Signal(farbige Blüten) zur Orientierung für Sehbehinderte.
  • Das Tal, sammelnde Tendenz.
  • Der Hügel, scheidende Tendenz.
  • Die Rampe, Voranmeldung
Möbel
Dinge im Raum (z.B. Möblierungen jeder Art) sollen nicht Hindernisse werden, sondern dem Blinden zu Orientierungshilfen werden, damit er sich innerhalb eines Raumes zurechtfindet. Ein rechteckiger Tisch z.B. teilt den Raum in Zonen auf.

Sicherheit

Sicherheit: Treppen durch Belagswechsel anmeldenUm dem Bewegungsbedürfnis der sehbehinderten und blinden Kinder Rechnung zu tragen, müssen mögliche Gefahrenquellen ausgeschaltet oder entschärft werden. Daraus ergeben sich folgende Forderungen:

 

 

  • Keine Hindernisse in Bewegungszonen (z.B. Stützen)
  • Wenig Niveauunterschiede. Treppen durch Belagswechsel voranmelden. Gleiche Anzahl Stufen pro Lauf.
  • Vorwarnen von Wänden, Treppen, Weg und Platzenden durch Belagswechsel und Bodenrelief.
  • Keine offenstehenden Türen in Zirkulationszonen.
  • Keine offenstehenden Fenster in Bewegungszonen (Vorprojekt: Schiebefenster. Änderung im Projekt: Drehkipp)
  • Grosse Fensterflächen (Eingangspartie z.B.) auf Augenhöhe mit einem farbigen Kämpfer versehen.
  • Weiche Wandformen (keine Ecken)
  • Möbel in Zirkulationszonen ohne scharfe Ecken, (z.B. auch Garderobehaken in der Schule).
  • Bodenheizung anstelle von konventioneller Radiatorenheizung, dadurch keine zusätzlichen vorspringenden Kanten, zudem behaglicheres Raumklima.

 

 

Weitere bauliche Hilfen für Sehbehinderte und Blinde

Sicherheit: Keine Hindernisse in Bewegungszonen

  • Der Handlauf als roter Faden durch die wichtigsten Verbindungswege innerhalb der Gebäude - für jene Kinder, die noch eine Führungshilfe brauchen.
  • Der Hauptdurchgangsweg als Kiesweg. Gehen wird akustisch erlebt. Personen, die sich nähern, können gehört werden.
  • Keine weichen Beläge in Zirkulationszonen innerhalb der Gebäude (z.B. Waschbeton im Schulkorridor, Eingangszone, Aula, Laubengang). Harte Beläge reflektieren Schritte von anderen Personen. Auch zur Orientierung des Blinden im Raum ist eine gewisse Schallreflexion wichtig.
  • Türen in verglasten Eingangspartie werden optisch herausgehoben (nicht verglast - Farbe als Orientierungshilfe).

Raumerlebnis

Der Blinde erfasst den Raum durch Tasten, Hören, Riechen und "Fühlen" (warm-kalt, hell-dunkel). Um dem Blinden ein Raumerlebnis zu vermitteln, sollte das Raumangebot eine Vielzahl von Abwechslungen bieten: z.B. grosse-kleine Räume, laute-leise, offene-geschlossene, geborgene-exponierte, usw. Wichtige Wegsequenzen sollten auch für einen Blinden Abwechslung und Erlebnisse bieten, wobei jeder Erlebnisbereich auch ein Orientierungspunkt ist (z.B. Volière, Wasserspiel).

Orientierung: Brunnenrauschen auf dem PausenplatzEin weiterer Punkt für das Erleben eines Blinden ist die Materialbeschaffenheit der Oberflächen (Tasten), z.B. hart-weich, grob-fein, heterogen-homogen, kantig-rund, brüchig-elastisch, usw.

Die Hauptforderung für das Raumerlebnis eines Blinden liegt jedoch in der Benützbarkeit des Raumes. Jeder Winkel der Anlage sollte benützbar sein und nicht bloss als "Augenweide" gemacht.

Peter David Weber